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August 2014

Summer in the City

Was tun, wenn der Sommer lockt, die Auftragslage aber eine Flucht aus der Stadt verbietet? Man redet sich die Situation schön, gießt sich ein kühles Getränk ein und geht ans Werk. Irgendwie auch nett, mal ganz auf Touri-Stress zu verzichten. Als die nachlassende Hitze in den Abendstunden zu einem Spaziergang verlockt, trifft mich auf der Straße die Erkenntnis zwar Friedrichshain nicht verlassen zu haben, aber dennoch mitten im Massentourismus gelandet zu sein. Die Welt ist zu Gast vor meiner Haustür und freut sich lautstark ihrer Existenz. Auf der Warschauer Brücke drängen mir Heerscharen feierwütiger und gutgelaunter Menschen entgegen und ich kämpfe mich durch zur Oberbaumbrücke, »der schönsten Brücke Europas«. Da legen sich die Kapitäne der Ausflugsdampfer fest. Und hier liegt er tatsächlich in der Luft: Der ganz besondere Duft der Erleichterung – entströmt aus Harnblasen aller Herrenländer. Damit geht die BSR behutsam um, man muss nicht alles totcleanen. Wir sind ja hier nicht im Prenzlauer Berg! Wie die unermüdlichen Mitglieder einer benachbarten Feier-WG letztens meinem genervten Freund Marc mitteilten: »Alter, wir leben hier Friedrichshain!« Dagegen lässt sich schwer argumentieren, wenn man die letzten dreißig Jahre ein spießiges Schattendasein geführt hat. Ein aufmunternder Gruß von der Brandmauer über dem Lido: Fickt eusch allee! Versalhöhe 7200 Punkt, Cliffhanger normal, einige Typen keck gespiegelt. Im Treppenhaus begegne ich meiner Nachbarin. Sie heißt Dervla und kommt aus Galway, einem Ort an der irischen Westküste. Eine meiner Töchter lebt seit Jahren dort. Dervla kann das nicht verstehen, im Winter völlig tot da, meint sie, und im Sommer nichts als Touristen!