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Dezember 2014

Schnee deckt alle Narben

Ein seltener und kurzer Anblick: Vor meinem Fenster liegt Berlin in jungfräulichem Weiß. Noch bevor die Autos es zerfahren, der Abraum der Nachtschwärmer es entweiht will ich es festhalten
und greife nach dem iPhone. Am geöffneten Fenster überdenke ich die raffinierteste Komposition – und fühle mich schon vor dem Abdrücken enttäuscht. Ich mag die Bilder nicht mehr sehen, das tausendfache synthetische Klicken nicht mehr hören, dass meine Freunde, meine Nachbarn, die Welt – ich – ständig herstellen. Seit einiger Zeit fühle ich eine zunehmende Sattheit von all den gut komponierten, mit fantastischen Filtern geschickt gestylten Bildern, den originellen Weltausschnitten mit denen ich Mails und Instagram fütterte und von denen ich reichlich zurückbekam. Für einen Moment verfalle ich auf die verrückte und anarchistische Idee damit Schluss zu machen. Den Schnee, die Stadt, das kommende Jahr da zu lassen, wo sie im Moment sind: Vor meinem Fenster, unfotografiert, unbearbeitet, weiß.

Ich wünsche uns allen ein gesundes, friedliches und an positiven Überraschungen reiches 2015!